
Das Geheimnis des Wieherns: Was die Wissenschaft über die Kommunikation von Pferden verrät
Das Wiehern gehört zu den bekanntesten Lautäusserungen des Pferdes. Ob auf der Weide, im Stall oder bei der Trennung von Artgenossen – für viele Menschen klingt es zunächst wie ein einfacher Kontaktruf. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass hinter diesem typischen Pferdelaut ein deutlich komplexerer Mechanismus steckt.
Eine internationale Forschungsgruppe konnte in der Fachzeitschrift Current Biology nachweisen, dass Pferde beim Wiehern zwei unterschiedliche Schallquellen gleichzeitig erzeugen. Für Tierärztinnen und Tierärzte, Verhaltensexpertinnen und -experten, Trainerinnen und Trainer, Züchter sowie Betriebsleiter eröffnet diese Entdeckung neue Perspektiven für das Verständnis von Kommunikation, Stressanzeichen und Sozialverhalten beim Pferd.
Wer Lautäusserungen genauer beobachtet, kann dadurch wertvolle Hinweise auf das emotionale Befinden und die soziale Situation eines Pferdes erhalten.
Zwei akustische Ebenen in einem einzigen Laut
Die Forschenden fanden heraus, dass das Wiehern aus zwei verschiedenen akustischen Komponenten besteht, die gleichzeitig produziert werden.
Die tieffrequente Komponente
Der erste Teil des Wieherns entsteht durch die klassische Schwingung der Stimmbänder und liegt bei etwa 200 Hz. Dieser tiefere Anteil erinnert an ein Knurren und bildet die Grundlage des Lautes.
Die tiefe Komponente scheint dabei vor allem:
- emotionale Informationen zu transportieren,
- individuelle Erkennungsmerkmale zu enthalten,
- und auf kurze Distanz besonders wirksam zu sein.
Die hochfrequente Komponente
Zusätzlich erzeugen Pferde eine zweite, deutlich höhere Frequenz von etwa 1.000 Hz. Diese entsteht unabhängig von der Stimmbandvibration als eine Art Pfeifton im Kehlkopf.
Die hohe Komponente:
- besitzt eine grössere Reichweite,
- ist für andere Pferde leichter ortbar,
- und spielt vermutlich eine wichtige Rolle bei der Kontaktaufnahme über Distanz.
Dass beide Mechanismen gleichzeitig ablaufen, ist bei Säugetieren äusserst selten und erfordert eine präzise neuromuskuläre Steuerung des Kehlkopfes. Die Studie zeigt damit eindrucksvoll, dass die Lautkommunikation des Pferdes deutlich komplexer ist als bisher angenommen.
Wie die Forschenden den Mechanismus nachweisen konnten
Um die Entstehung der verschiedenen Klanganteile genauer zu untersuchen, analysierten die Forschenden sechs Kehlköpfe verstorbener Pferde mithilfe einer speziellen Blasapparatur.
Der Versuchsaufbau erfolgte in mehreren Schritten:
- Zunächst wurde normale Luft durch den Kehlkopf geleitet.
- Anschliessend ersetzte man die Luft durch Helium.
- Danach beobachtete man die Veränderung der Frequenzen.
Unter Helium erhöhte sich sofort die Frequenz der hohen Komponente. Dieses Ergebnis gilt als klarer Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Anteil tatsächlich um einen physikalischen Pfeifmechanismus handelt, der auf Resonanz basiert – und nicht ausschliesslich um eine klassische Stimmbandvibration.
Das Pferd kombiniert also zwei unterschiedliche Mechanismen der Lauterzeugung in einem einzigen Signal.
Eine besondere Entwicklung innerhalb der Pferdelinie
Interessant ist auch die evolutionäre Perspektive dieser Entdeckung. Die hochfrequente Pfeifkomponente wurde nicht nur bei Hauspferden, sondern auch beim Przewalski-Pferd nachgewiesen. Bei Zebras und Eseln fehlt sie hingegen.
Dies deutet darauf hin, dass sich das komplexe Wiehern spezifisch innerhalb der Pferdelinie entwickelt hat.
Die Forschenden vermuten, dass diese doppelte Struktur des Wieherns Pferden ermöglicht, mehrere Informationen gleichzeitig zu übermitteln. Ein einziges Wiehern könnte somit gleichzeitig Hinweise liefern auf:
- die Identität des Tieres,
- seinen emotionalen Zustand,
- seine Position,
- und seine soziale Motivation.
Das Wiehern wäre damit weit mehr als ein einfacher Ruf – nämlich ein hochdifferenziertes Kommunikationsinstrument.
Welche Informationen transportiert das Wiehern?
Die beiden Komponenten des Wieherns scheinen unterschiedliche Funktionen zu erfüllen und sich gegenseitig zu ergänzen.
Der tiefe Anteil eignet sich besonders für die Kommunikation auf kurze Distanz und könnte eine wichtige Rolle bei der individuellen Wiedererkennung sowie beim Ausdruck emotionaler Zustände spielen.
Die hohe Komponente hingegen trägt weiter und lässt sich räumlich besser orten. Dadurch könnte sie insbesondere dann wichtig sein, wenn Pferde Kontakt zu weiter entfernten Artgenossen aufnehmen möchten.
Für Personen, die beruflich mit Pferden arbeiten, bedeutet das: Ein Wiehern sollte nicht als unspezifischer Laut betrachtet werden. Vielmehr enthält es wertvolle Informationen über das Innenleben und die soziale Situation des Pferdes.
Bedeutung für die berufliche Praxis
Die neuen Erkenntnisse zur Lautkommunikation bieten zahlreiche praktische Ansatzpunkte für den professionellen Umgang mit Pferden.
Verhaltensdiagnostik
Veränderungen in Tonhöhe, Lautstärke oder Dauer eines Wieherns können wichtige Hinweise auf den emotionalen Zustand liefern. Bestimmte Lautmuster stehen möglicherweise im Zusammenhang mit:
- Trennungsstress,
- Erwartungshaltung,
- sozialer Bindung,
- oder einem erhöhten Erregungsniveau.
Eine bewusste Beobachtung der Lautäusserungen kann deshalb helfen, Verhalten differenzierter einzuschätzen.
Tierwohlmonitoring
Auch im Bereich des Tierwohls könnten Lautäusserungen künftig stärker berücksichtigt werden. Häufiges oder auffällig hochfrequentes Wiehern kann unter anderem auf:
- soziale Isolation,
- Unruhe innerhalb der Herde,
- Transportstress,
- oder trainingsbedingte Belastung hinweisen.
Die Analyse von Lauten könnte damit eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Methoden der Verhaltens- und Welfare-Beurteilung darstellen.
Training und Management
Darüber hinaus mahnt die Studie zu einer differenzierteren Interpretation von Wiehern während der Arbeit. Ein Pferd, das unter dem Sattel oder beim Handling wiehert, ist nicht automatisch unaufmerksam oder „ungehorsam“.
Häufig kann das Verhalten vielmehr Ausdruck sein von:
- sozialer Motivation,
- innerer Anspannung,
- erhöhter Aufmerksamkeit,
- oder emotionaler Aktivierung durch die Umgebung.
Pferde besser verstehen durch genaueres Zuhören
Die Forschung macht deutlich, dass die Kommunikation des Pferdes wesentlich komplexer und feiner ist, als lange angenommen wurde.
Entscheidend ist daher nicht nur, dass ein Pferd wiehert – sondern vor allem, wie es wiehert. Tonlage, Intensität, Dauer und Kontext können wertvolle Informationen über das emotionale Befinden, die Motivation und die soziale Dynamik liefern.
Für Fachpersonen im Pferdebereich könnte das bewusste Zuhören deshalb künftig ein noch wichtigerer Bestandteil von Verhaltensbeurteilung, Management und Tierwohlüberwachung werden.

